Limburg, 29.03.2026
Palmsonntag – der Einzug
Palmsonntag aus der Perspektive des Esels
Die Sonne spürte ich schon warm auf meinem Rücken, als der junge Mann mich losbinden wollte. Ich kannte diesen Weg, diesen Stadtrand, diesen Pfosten – ich war dort mein ganzes kurzes Leben lang angebunden gewesen, hatte Staub gerochen und Ziegen zugehört. Und nun kamen zwei Fremde, redeten ruhig auf meine Besitzer ein – und plötzlich gehörte ich ihnen.
Ich war noch nie geritten worden. Das muss man wissen, um zu verstehen, was dann geschah.
Der Mann, der sich auf meinen Rücken setzte, war anders. Nicht in einer Weise, die ich hätte benennen können – ich bin ein Esel, ich benenne nichts. Aber sein Gewicht lag anders. Ruhig. Fast wie kein Gewicht. Als hätte er schon immer dort gesessen und ich hätte ihn nur noch nicht getragen.
Ich wäre sonst davongelaufen. Das weiß ich von mir.
Der Weg hinunter nach Jerusalem war schmal und staubig, wie immer. Aber dann kamen die Menschen. Erst wenige, dann viele, dann eine Wand aus Gesichtern und Rufen. Sie warfen ihre Mäntel auf den Boden – auf den Boden, als wäre die Straße keine Straße mehr, sondern ein Empfangssaal. Palmzweige schwangen durch die Luft. Jemand schrie etwas, andere wiederholten es und bald war das Wort überall:
Hosianna.
Ich verstand das Wort nicht. Aber ich spürte, was dahinter war. Hoffnung hat einen Geruch – sie riecht ein bisschen nach Angst, ein bisschen nach Aufatmen. Beides war an diesem Tag in der Luft.
Unter meinen Hufen lagen Kleider fremder Menschen. Ich trat vorsichtig. Nicht weil man es mich gelehrt hatte – sondern weil es sich so anfühlte, als müsste man hier vorsichtig sein.
Der Mann auf meinem Rücken sagte nichts. Er winkte nicht, er rief nicht zurück. Er schaute auf die Stadt vor uns, auf die Mauern, auf die Tore – und ich meine, ich spürte, wie er schwerer wurde. Nicht im Körper. Irgendwie anders.
Die Menge jubelte lauter, je näher wir kamen.
Er wurde schwerer und schwerer.
Ich weiß nicht, was danach geschah. Man führte mich fort, band mich wieder an und das Leben wurde wieder Staub und Ziegen und das Warten auf Wasser. Niemand erzählt einem Esel, wie die Geschichte weitergeht.
Aber ich trage diese Stunde noch – irgendwo zwischen den Schulterblättern, wo sein Gewicht lag.
Es war das Seltsamste und das Stillste, was ich je gespürt habe: Getragen zu werden, während man trägt.