Marienthal, 16.08.2026
Ein Tag des strahlenden Dankes
Es ist ein Abschied, der vielen Menschen nahegeht: Mehr als 150 Jahre haben die Franziskaner den Wallfahrtsort Marienthal im Rheingau geprägt. Sie haben Gottesdienste gefeiert, Beichte gehört, Menschen in schwierigen Lebenssituationen begleitet, Pilger empfangen und ihnen einen Ort des Gebets, der Begegnung und der Hoffnung geschenkt. Am Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel, Samstag, 15. August, sind die Franziskaner nun offiziell aus Marienthal verabschiedet worden. Hunderte Gläubige kamen zu einem festlichen Gottesdienst und einem Festakt. Bei aller Wehmut war die Botschaft des Tages eindeutig: Die Geschichte Marienthals geht weiter.
„Wir wollen keinen grauen Abschied feiern, sondern einen Tag des strahlenden Dankes“, sagte Weihbischof Dr. Thomas Löhr im Festgottesdienst. Und tatsächlich bestimmten Dankbarkeit, persönliche Erinnerungen und große Verbundenheit den Tag. Zugleich wurde immer wieder der Blick nach vorne gerichtet. Die Wallfahrt wird fortgeführt. Bis zum ersten Advent liegt die Verantwortung bei der Pfarrei Heilig Kreuz Rheingau und dem Bistum Limburg. Danach werden Vinzentiner die Verantwortung für den Wallfahrtsort übernehmen.
Ein Ort, an dem Menschen ihre Sorgen vor Gott tragen
In seiner Predigt nahm Weihbischof Löhr die Gläubigen zunächst mit auf einen gedanklichen Weg durch Marienthal: durch die Schönheit des Tales, vorbei an Bäumen, Blumen und Bach bis hinein in die Wallfahrtskirche und zum Gnadenbild der Schmerzhaften Muttergottes. Die Kirche sei für viele Menschen ein Sehnsuchtsort, ein Raum der Stille und der Sammlung. Menschen kämen alleine oder mit ihren Familien, manche weinend, andere voller Dankbarkeit – immer aber im Vertrauen darauf, ihre Sorgen und Hoffnungen vor Maria und vor Gott tragen zu können.
Im Mittelpunkt stehe dabei ein Bild, das zunächst gerade nicht von Leichtigkeit erzählt: Maria hält ihren toten Sohn in den Armen. Gerade darin könnten sich Menschen mit ihrem eigenen Leid wiederfinden, sagte Löhr. Kein Schmerz sei Maria fremd. Die Pietà werde so zum Bild des Mitleidens und des Trostes. Menschen könnten ihre Krankheit, Enttäuschung, Einsamkeit und Verzweiflung an diesen Ort bringen.
Löhr weitete den Blick auf Kriege, Gewalt und Ungerechtigkeit in der Welt. Im Angesicht Mariens, der Königin des Friedens, stelle sich die Frage, ob Gerechtigkeit und Frieden zu leeren Worten geworden seien. Die christliche Antwort darauf sei Hoffnung. Das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel sei gerade in schweren Zeiten eine Verheißung: Krankheit, Tod, Gewalt und Ungerechtigkeit könnten dem Menschen nicht die von Gott geschenkte Würde nehmen.
Franziskanischer Geist hat Marienthal geprägt
Untrennbar mit diesem Ort verbunden seien für ihn die Franziskaner, sagte der Weihbischof. Seit mehr als 150 Jahren hätten sie Wallfahrt, Wallfahrtskirche und Gnadenbild betreut. Ihre Haltung sei dabei von franziskanischer Bescheidenheit geprägt gewesen: Nicht die Brüder selbst machten den Ort besonders, sondern Gott sei es, der wirke, und Maria führe die Menschen zu ihm.
Löhr erinnerte an den Sonnengesang des heiligen Franziskus und an dessen Einsatz für Arme und für den Frieden. Gerade dieser Geist passe zu Marienthal. Eine Botschaft brachte der Weihbischof auf einen ebenso kurzen wie eindringlichen Satz: „Wer kniet, kann nicht andere mit Füßen treten.“ Wer wie Franziskus bete, für den Frieden eintrete und die Armen nicht verachte, trage dazu bei, die Welt zu verändern. Marienthal solle auch künftig ein Ort des Friedens sein.
An die Franziskaner gewandt dankte Löhr für ihre Gastfreundschaft, ihre Sorge um die Menschen und die Freude, die sie über Generationen hinweg an diesem Ort vermittelt hätten. Der Dank für ihr Wirken solle zugleich zu einem Segenswunsch für den Orden und jeden einzelnen Bruder werden.
"Wir konnten nur den Raum bieten"
Wie sehr Marienthal von persönlichen Begegnungen lebt, wurde auch beim anschließenden Festakt deutlich. Pater Paul blickte auf seine sieben Jahre in Marienthal zurück. Von seinen insgesamt 14 Stationen werde ihm diese vermutlich besonders stark in Erinnerung bleiben. Er erzählte von der Gemeinschaft der Brüder, von Gästen und Hilfesuchenden, von Menschen in Not und von unzähligen persönlichen Gesprächen.
Dabei beschrieb er die Rolle der Franziskaner bewusst zurückhaltend. Sie hätten keine großen Programme gebraucht, sondern geschaut, welche Menschen Gott ihnen schicke. „Wir konnten nur den Raum bieten, nur die Offenheit, einfach Gäste empfangen“, sagte er sinngemäß. Das Entscheidende hätten sie Gott überlassen. Sein Rückblick sei deshalb vor allem von großer Dankbarkeit geprägt: für Begegnungen, für Menschen und für das, was Gott an diesem Ort gewirkt habe.
Geisenheim braucht diesen Ort
Der Geisenheimer Bürgermeister Christian Aßmann machte deutlich, welche Bedeutung Marienthal weit über das kirchliche Leben hinaus für die Stadt und den Rheingau besitzt. Der Tag löse bei ihm ambivalente Gefühle aus: Freude und Dankbarkeit auf der einen, Trauer über den Abschied auf der anderen Seite.
Aßmann erinnerte sehr persönlich daran, dass er selbst in der Umgebung aufgewachsen sei und schon als Kind viel Zeit in Marienthal verbracht habe. Der Ort sei immer von Dynamik und Leben geprägt gewesen. Zugleich sei Marienthal inmitten der Hektik des Alltags für viele Menschen ein „Ort der Ruhe und ein Ort der Ankunft“.
Besonders dankte der Bürgermeister den Franziskanern für ihren jahrzehntelangen Einsatz. Was sie geleistet hätten, sei Dienst für Gott und zugleich Dienst für die Menschen gewesen. Nun gelte es, Erinnerungen zu bewahren, Traditionen weiterzuführen und die Geschichten von Marienthal weiterzuerzählen. Dabei zeigte sich Aßmann zuversichtlich: „Es wird weitergehen. Es wird anders weitergehen.“ Der Ort sei wichtig. „Geisenheim braucht diesen Ort.“
Eine Verbundenheit über Bistumsgrenzen hinweg
Wie weit die Ausstrahlung Marienthals reicht, machte Domkapitular Dr. Franz-Rudolf Weinert deutlich. Im Namen des Bistums Mainz verband er historische Rückblicke mit sehr persönlichen Erinnerungen. Marienthal gehöre zu seinen frühesten Kindheitserfahrungen. Seine Familie sei regelmäßig hierher gepilgert. Später führten ihn Jugendwallfahrten nach Marienthal, und vor seiner Diakonen- und Priesterweihe habe er hier um die Fürsprache der Gottesmutter gebetet. Seit seiner Priesterweihe komme er rund um seinen Weihetag immer wieder nach Marienthal.
Weinert erinnerte daran, dass die Verbundenheit der Mainzer Katholiken mit Marienthal auch nach der Neuordnung der Bistumsgrenzen im 19. Jahrhundert bestehen blieb. Über Generationen seien Tausende Menschen aus dem Bistum Mainz hierher gepilgert. Gerade in schwierigen Zeiten seien Wallfahrten auch öffentliches Glaubenszeugnis gewesen.
Sein Dank galt den Franziskanern als „Hütern dieser heiligen Stätte“. Unzählige Menschen seien mit ihren Nöten und Freuden nach Marienthal gekommen. Die Brüder hätten Gottesdienste gefeiert, Sakramente gespendet, Menschen aufgerichtet und Gastfreundschaft gelebt.
Weinert verband seinen Dank ausdrücklich mit einer Zukunftsperspektive: „Gott sei Dank, die Wallfahrt geht weiter. Marienthal geht weiter.“ Viele Mainzer seien bereit, durch ihr Kommen und ihre Wallfahrten dazu beizutragen. Auch persönlich wolle er weiterhin Gottesdienste feiern und Wallfahrten nach Marienthal begleiten. Sein Wunsch sei, dass der Satz „Ich gehe nach Marienthal“ noch lange freudig und hoffnungsvoll zu hören sei.
Weniger, aber lebendig - ärmer, aber freier
Weniger, aber lebendig – ärmer, aber freier
Provinzialminister Bruder Markus Fuhrmann OFM verschwieg beim Festakt die schmerzliche Seite des Abschieds nicht. „Heute ist ein Tag des Abschieds, und Abschiede tun weh“, sagte er. Das gelte besonders für einen Ort, der über Generationen mit dem Franziskanerorden verbunden gewesen sei. Seit 1873 hätten die Brüder in Marienthal ihren Dienst getan. Der Ort sei für viele Menschen zu einem Ort des Gebets, der Begegnung, der Gastfreundschaft und der Hoffnung geworden.
Fuhrmann ordnete den Abschied zugleich in die Entwicklung seines Ordens ein. Seit der Errichtung der Deutschen Franziskanerprovinz im Jahr 2010 sei Marienthal bereits der 17. Standort, von dem sich die Brüder verabschieden müssten. Die sinkende Zahl der Ordensmitglieder mache solche Entscheidungen notwendig. Diese Realität dürfe traurig machen. Trauer sei schließlich kein Zeichen mangelnden Glaubens, sondern zeige, dass etwas wertvoll sei.
Gerade deshalb lud der Provinzialminister dazu ein, den Abschied im Geist des heiligen Franziskus zu betrachten. Franziskanische Präsenz bemesse sich nicht an der Zahl von Häusern, Brüdern oder Einrichtungen. Der franziskanische Geist sei überall dort lebendig, wo Menschen andere willkommen heißen, ihnen zuhören, mit ihnen beten und Hoffnung schenken.
Für die Zukunft von Orden und Kirche griff Fuhrmann das Bild einer „schöpferischen Minderheit“ auf: Christen sollten nicht verbittert auf sinkende Zahlen schauen oder nostalgisch an Vergangenem festhalten, sondern aus dem Evangelium heraus Neues wagen: „kleiner, aber lebendig, weniger, aber überzeugend, ärmer, aber freier“ – und mit einer Freude am Evangelium, die andere anstecke.
Marienthal bleibt ein Ort der Hoffnung
So wurde aus dem Abschiedstag zugleich ein Tag des Aufbruchs. Die Franziskaner verlassen Marienthal, doch das, was sie über Generationen aufgebaut und geprägt haben, bleibt: die Wallfahrt, das Gebet, die Erinnerung an unzählige Begegnungen und eine Kultur der Gastfreundschaft.
Bis zum ersten Advent tragen die Pfarrei Heilig Kreuz Rheingau und das Bistum Limburg Verantwortung für die Wallfahrt. Zwei Vinzentiner werden bereits ab November im Pfarrhaus in Eibingen wohnen. Am ersten Advent sollen sie in Marienthal eingeführt werden und anschließend die Verantwortung für den Wallfahrtsort übernehmen.
Die vielen Menschen, die zur Verabschiedung gekommen waren, machten zugleich sichtbar, wie tief Marienthal im Rheingau und weit darüber hinaus verwurzelt ist. Eine mehr als 150-jährige franziskanische Epoche geht zu Ende. Doch Gebet und Wallfahrt bleiben. Und mit ihnen die Hoffnung, dass Marienthal auch künftig das sein wird, was es für Generationen von Menschen gewesen ist: ein Ort, an dem Menschen ankommen, ihre Sorgen vor Gott tragen, Trost erfahren und neue Kraft für ihren Weg finden.