Frankfurt
Ein anderer Ausdruck für Trauer
Behutsam setzt Silas Becks die Nadel an, mit geübter Hand schreibt er „all write“ auf den Oberarm von Charlotte Marek. Dann ist ihre Tochter Anika dran, auch sie lässt sich den gleichen Schriftzug auf den Oberarm tätowieren. Mutter und Tochter sind an diesem Samstag, 12. September, extra aus Neu-Isenburg nach Frankfurt gekommen, um sich in der katholischen Begräbniskirche St. Michael im Nordend ein Tattoo stechen zu lassen. Erinnern wollen sie damit an ihren Mann und Vater Frank-Peter Erben, der in diesem Sommer an Lungenkrebs gestorben ist.
„In Memoriam“ ist der Tag im Zentrum für Trauerseelsorge überschrieben. Unterstützt vom Domkreis Kirche und Wissenschaft der katholischen Kirche in Frankfurt haben Menschen Gelegenheit, sich kostenfrei ein kleines Erinnerungstattoo stechen zu lassen: ein Name, ein Datum, ein kleines Zeichen für einen geliebten Menschen, das unter die Haut geht und bleibt. Dafür ist der Tätowierkünstler Silas Becks eigens aus Stuttgart anreist, der schon seit fünf Jahren alljährlich mit der Katholischen Erwachsenenbildung in Frankfurt ähnliche Aktionen anbietet, mal in Liebfrauen in der Innenstadt, mal in der Jugendkirche, mal auf einer Kinderkrebsstation, mit Abziehbildern für die Kinder und vielleicht einem Tattoo für die Eltern. „Wir öffnen hier missionarische Räume“, sagt KEB-Leiter Markus Breuer, „die Kirche kommt dadurch mit Menschen ins Gespräch, die sonst kaum noch etwas mit der Kirche verbinden.“
Intensive Begegnung in der Trauer
Und so ist es auch bei „In Memoriam“: Charlotte Marek, die sich nicht kirchlich gebunden fühlt, kommt seit dem Tod ihres Mannes regemäßig in das Trauerzentrum, sie geht ins Trauercafé und zu persönlichen Gesprächen: „Es ist unglaublich, was die Kirche hier leistet“, sagt sie, „eine solche intensive Begleitung in der Trauer gibt es sonst nirgends.“ Ihr Tattoo „all write“ war das Motto ihres Partners, mit dem sie 31 Jahre zusammen war und zwei Töchter großgezogen hat. Der Texter, Redakteur und Übersetzer hat „immer nur geschrieben“, wie sie erzählt, Bücher, Texte, Briefe. Sein Grab ist in der Nähe von Stuttgart, seiner Heimat, umso wichtiger ist ihr nun der Schriftzug auf dem Arm: „Das geht nie mehr weg, das bleibt für immer und erinnert mich an unser Leben, an alles, was wir zusammen aufgebaut und erlebt haben.“
Ähnlich ist es bei Uta Herbener aus Hanau, die mit dem Schriftzug „Here comes the sun“ an ihren vor vier Jahren verstorbenen Vater erinnern will, einen großen Beatles-Fan. Oder bei der jungen türkischen Studentin Berfin Üner. Die 26-Jährige macht gerade ihren Master-Abschluss in Biochemie in Frankfurt und möchte sich ein Segelschiff tätowieren lassen, weil ihr Vater das Boot, an dem er in Istanbul so lange baute, nicht mehr vollenden konnte. Bewegend sind all die Geschichten, die an diesem Tag erzählt werden, ein Geschenk, wie Verena Maria Kitz, die Leiterin des Trauerzentrums, hervorhebt: „Die Menschen, die heute hier waren, lassen ihre Trauer und ihre Erinnerung mit ihrem Körper zu einer Einheit verschmelzen. Niemand ist einfach weg, wenn er tot ist. Hier gibt das Tattoo der Erinnerung eine ganz besondere Form, die im Wortsinne nie mehr weg geht.“
21 besondere Bilder
21 Tattoos wird Silas Becks an diesem Tag stechen: für eine Freundesgruppe aus Stuttgart, die extra den Weg nach Frankfurt gefunden hat, für ein Paar, das seinen Sohn durch Suizid verloren hat, für Töchter, die um ihre Väter, Männer, die um ihre Frauen trauern, Schwestern, die dem Bruder nachweinen. Becks, der selbst als Kind seine Mutter verlor und als Jugendlicher seinen älteren Bruder und die Großmutter, bei der er aufgewachsen war, hat sich schon früh mit Schrift beschäftigt. Ein Brief vom Weihnachtsmann, so erzählt er es bei einer Gesprächsrunde am Abend im Trauerzentrum, weckte den Wunsch, das kalligraphische Kunstwerk zu entziffern und selbst einmal so schön schreiben zu können.
Zum ersten Mal hat er auch eine Ausstellung mit zwölf Bildtafeln in die Kirche St. Michael gebracht. Sie erzählen eindrücklich von den Geschichten, die hinter den Trauertattoos stecken. Und sie sind oft traurig und tröstlich zugleich, wird doch in allen deutlich, wie viel oftmals verzweifelte Suche nach einem anderen Ausdruck für Trauer dahinter steckt, wie viel Bedürfnis, die Erinnerung wachzuhalten an die Toten, sie nie zu vergessen, sie bei sich zu behalten bis zum eigenen Tod.
Über ihn reden
Da ist zum Beispiel Henrike Anfang vom Verein „Unsere Sternenkinder“ in Hessen, die am Abend von ihrem Weg berichtet: Ihr kleiner Sohn Finn hatte keine Chance auf ein Leben auf dieser Erde. Sie hat ihn vor sieben Jahren in der 32. Schwangerschaftswoche still geboren, er kam tot zur Welt. Keiner konnte ihn kennen lernen, kaum einer wagte es, die Mutter darauf anzusprechen. „Ich wollte so gern über ihn reden“, erzählt sie von dieser qualvollen Zeit. „Jetzt habe ich ein Tattoo mit seinem Namen, er ist sichtbar, man kann mich darauf ansprechen.“ Das Tattoo sei wie ein Türöffner, sie werde immer wieder auf dessen Bedeutung angesprochen und könne dann von diesem Kind erzählen, das sie nie jemandem zeigen konnte: „So ist er nicht mehr unsichtbar, meine Verbindung zu ihm bleibt.“
So ein Tattoo zur Erinnerung an die Toten, das sei eben mehr als ein Bild auf der Haut, meint dazu Pfarrer Olaf Lindenberg. Ähnlich wie die Taufe für Christen sei es ein Prägemal auf der Seele, das unauslöschlich vor Gott sei: „Es zeigt, dass der Tod nicht die absolute Macht hat, dass das Leben unserer Liebsten über den Tod hinaus wirksam bleibt, in unserer Erinnerung, auf der Haut.“