Frankfurt, 29.09.2026
Damit auch Eltern wachsen können
Als die Katholische Familienbildung Frankfurt 1966 gegründet wurde, startete sie in einer gänzlich anderen Welt. „Damals gab es ganz viele Kurse für Hausfrauen und Mütter, die sich weiterbilden wollten“, sagt Sigrid Kemler, seit 2016 Leiterin der heute im Nordwestzentrum ansässigen Einrichtung. Thematisch ging es damals natürlich auch schon um Kinderpflege und Erziehung – aber auch um Haushaltsfragen.
Das wird beim Blick ins Archiv der Familienbildung deutlich: Alte Fotos aus der Anfangszeit zeigen, wie Damen mit ordentlich gelockten Kurzhaarfrisuren und Brille auf der Nase in karierten Röcken, Blusen und Strickjacken an Spinnrädern sitzen und eigene Wolle herstellen. Spätere Aufnahmen, schätzungsweise aus den 80er Jahren, halten fest, wie Frauen das Tippen auf der Schreibmaschine lernen und Babypuppen in Plastikwannen baden.
„Das war damals schon ganz anders als heute“, sagt Kemler. Das Angebot hat sich gewandelt, weil die Zielgruppe sich verändert hat. Heute sind viele erwerbstätig, vielleicht die meisten Mütter. Das Leben ist stressiger, ein stückweit auch chaotischer und unplanbarer. Kurse, an denen man zu einer bestimmten Zeit regelmäßig teilnehmen müsse, seien einfach nicht mehr so gefragt wie früher. Deshalb setzt die Katholische Familienbildung heute viel stärker auf offene Angebote wie Lounges für Eltern mit Babys, Krabbelkindern und Kindern bis drei Jahren, MehrgenerationenLounges, die auch älteren Menschen offenstehen, und das FamilienCafé Krümel, das jeden Dienstag von 11 bis 13 Uhr im Gemeindezentrum Mutter vom Guten Rat stattfindet. Fast täglich gibt es ein offenes Angebot, entweder in den Räumen der Familienbildung, Vereinsräumen, Kirchengemeinden oder Familienzentren. Alle Termine sind auf www.familienbildung-frankfurt.de zu finden. Die Teilnahme ist kostenfrei und gefördert von der Stadt Frankfurt oder der Pfarrei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, man kann frei und spontan entscheiden, ob es gerade passt.
Das entspricht viel eher der Lebensrealität von Familien heute. Und führt dazu, dass es fast jeden Tag eine Überraschung bleibt, wie viele Menschen kommen. „Heute zum Beispiel hatten wir drei Papas dabei“, sagt Kemler. Überhaupt würden Väter heute mehr mitkommen zu den Angeboten, eine schöne Entwicklung.
Lobbyistin im besten Sinne
Und auch die Rolle der Leiterin ist heute eine andere als noch vor 60 Jahren. Kemler sieht sich selbst als Lobbyistin im besten Sinne – für die Belange von Familien in Frankfurt. „Ich gelte hier als die Sitzungskönigin – ich bin eigentlich nur unterwegs“, so Kemler schmunzelnd. Bis zu drei Sitzungen sind es am Tag wie Jugendhilfeausschuss, Fachausschuss Erziehungshilfe, Absprachen mit Sozialdezernat, Gesundheitsamt, Stadtschulamt und vielen weiteren. „Wichtig ist, dass man zu diesen Beteiligungsformaten geht, weil dort Fragen besprochen werden, die Familien beschäftigen“, betont Kemler. Die Katholische Familienbildung, übrigens eine von 13 Familienbildungseinrichtungen in Frankfurt, ist auch Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Hessische Familienbildung und in der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholischer Familienbildungsstätten. Die Zusammenarbeit der 13 in Frankfurt funktioniert gut und lebendig, auch mit der Stadt, die viel für Familien tue. Die Wege sind kurz, im Zweifel ruft man sich gegenseitig an. Alle 13 Einrichtungen arbeiten sozialräumlich, unterscheiden sich aber auch, denn der jeweilige Ort, wie bei der FBS ihr Sitz im Einkaufszentrum, gestalten eine Einrichtung und ihr Angebot natürlich mit. Hier der Nordweststadt arbeitet man stark sozialräumlich orientiert und dialogisch, setzt auf kostenfreie Angebote und Begleitung im Bereich der frühen Hilfen. Oberstes Ziel ist, sich möglichst divers aufzustellen, so dass jede Familie aus den umliegenden Stadtteilen sich willkommen fühlt – und eine gute Arbeit an den Schnittstellen. „Wir wollen die Menschen zusammenbringen an einem dritten Ort nach Beruf und Familie, der nicht kommerziell ist, also nichts kostet“, erklärt Kemler. Es geht vor allem ums Kontakteknüpfen, sich informieren und auch beraten lassen im extra neu dafür eingerichteten Beratungsraum mit Spielecke. Die Mitarbeiterinnen haben einen sehr guten Überblick über bestehende Angebote in Frankfurt und außerdem ein großes Netzwerk an Kooperationspartnern, kennen also fast immer den richtigen Ansprechpartner für jede Frage.
Mir ist gar nicht mehr so wichtig, wo wir herkommen. Viel wichtiger sind Gegenwart und Zukunft. Quelle: Sigrid Kemler, Leiterin der katholischen Familienbildung Frankfurt
Übrigens hat sich auch die Struktur im Hintergrund geändert: Träger der katholischen Familienbildung Frankfurt ist nach wie vor das Bistum Limburg, seit zwei Jahren ist die Einrichtung außerdem Teil der Stadtkirche. Ihren „runden Geburtstag“ feiert die Familienbildung mit einer Reihe von Veranstaltungen im laufenden Jahr, Infos dazu gibt es auf der Webseite.
Krisen stapeln sich
Was bisher geschah, hat die Familienbildung dabei stets vor Augen, denn die Genese hängt als Zeitstrahl in den Räumlichkeiten – die ersten 50 Jahre auf einer Plane im Bewegungsraum, die jüngsten zehn Jahre mit weißer Glasfarbe auf dem langen Fenster im Eingangsbereich. Unter 2026 ist dort notiert: „Neue Väter. Belastung der Frauen. Familien im Stress.“ Dass die Belastung von Familien heute so hoch sei, liege auch an Krisen, die sich mittlerweile fast zu stapeln scheinen, sagt Kemler. Die Covid-Zeit hänge vielen Familien immer noch nach, die Preissteigerungen in allen Bereichen erhöhen den Druck, Eltern müssen immer mehr arbeiten, um die Lebenskosten noch tragen zu können.
Deshalb hält sich die Nostalgie bei der Leiterin in Grenzen, wenn sie auf die vergangenen 60 Jahre zurückblickt. „Mir ist gar nicht mehr so wichtig, wo wir herkommen. Viel wichtiger sind Gegenwart und Zukunft.“ Deshalb hat das 16-köpfige Team auf der Glasscheibe neben dem Zeitstrahl auch Fragen notiert. Zu lesen ist dort zum Beispiel: „In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wie sieht die Zukunft aus? Wie wollen wir zusammenleben?“ Aktuelle Themen, die das Team umtreiben, sind zum Beispiel soziale Isolation, Chancengleichheit und Integration.
Kochen mit der mobilen Küche
Sehr „jetzt“ ist auch die jüngste Anschaffung der Familienbildung, eine mobile Lernküche, die seit zwei Wochen zur Ausstattung gehört. Der Block auf Rollen mit Herdplatte auf der Oberseite, produziert von einem kleinen Start-Up aus München, sieht schlicht aus, man kann damit aber für bis zu 30 Menschen kochen. „Damit können wir überall gemeinsam mit Menschen kochen, wir benötigen dafür keinen Starkstrom, sondern nur eine normale Steckdose“, sagt Sigrid Kemler. Regelmäßig stehen Ernährungsthemen auf dem Plan beim Angebot der Familienbildung, da passe das gut.
Insgesamt geht es in vielen Angeboten darum, die Resilienz von Familien zu stärken. Zum Beispiel mit dem sogenannten Wertekoffer, betreut von Yvonne Homann. In ihm liegen Symbole für verschiedene Werte: ein Herz für Liebe, Bibel oder Koran für Spiritualität, eine Waage für Gerechtigkeit, ein Teddybär für Wärme und Geborgenheit. Wer damit arbeitet, darf sich drei oder vier für die Familie wichtige Symbole heraussuchen. Die Auswahl wird mit Foto dokumentiert, so dass man sich, wenn es mal angespannt wird in der Familie, gemeinsam daran erinnern kann. Resilienz ist ein wichtiges Thema, und auch, Hilfe anzubieten, bevor überhaupt ein Defizit entsteht: „Denn es muss Familie gut gehen, damit Bildung passieren kann. Dafür sind wir da.“