Würzburg, 16.05.2026
Kirche als Ort der Verständigung und der Hoffnung
„Es muss sich was ändern!“ – selten passte ein Titel so gut zu einer Diskussion beim Katholikentag. Am Samstag, 16. Mai, ging es um große Fragen: Wie gelingt Veränderung, wenn viele Menschen zugleich Veränderung wollen und Veränderung fürchten? Wie können Staat und Kirche Vertrauen zurückgewinnen? Und welche Rolle spielen Hoffnung, Gerechtigkeit und Zusammenhalt in einer Zeit, in der alte Sicherheiten brüchig werden? Mitten in dieser Debatte warb Georg Bätzing für neue Bilder, neue Formen der Verständigung und eine Kirche, die Trost und Hoffnung nicht nur verspricht, sondern erfahrbar macht.
Gemeinsam mit Klimaaktivistin Luisa Neubauer, der Bundestagsabgeordneten Franziska Hoppermann und dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Alexander Schweitzer diskutierte Bätzing beim Katholikentag über gesellschaftliche Transformationsprozesse in Staat und Kirche. Moderiert wurde das Podium von Journalist Robin Alexander.
Den Auftakt machte die Geschäftsführerin des Sinus-Instituts, Silke Borgstedt. In ihrem Impulsvortrag beschrieb sie eine Gesellschaft, die weniger unter persönlicher Zukunftsangst leide als unter einem Verlust des kollektiven Zukunftsvertrauens. Viele Menschen hätten das Gefühl, „nicht mehr vorzukommen“ und gesellschaftlich nicht mehr wahrgenommen zu werden. Reformen würden häufig nur noch als Belastung erlebt. Deshalb brauche es Zielbilder, Orientierung und neue Formen gesellschaftlicher Beteiligung.
Ein wirklicher Epochenwandel
Bischof Bätzing griff diese Analyse auf und verband sie mit den aktuellen Erfahrungen in Kirche und Gesellschaft. „Meine Generation kennt nur Fortschritt. Es geht weiter, der Wohlstand wächst, die Sicherheit wächst – und jetzt erleben wir auf einmal einen wirklichen Epochenbruch, dass wir merken: Das geht nicht mehr so weiter“, sagte der Limburger Bischof. Viele Menschen hätten den Eindruck, dass Probleme nicht mehr gelöst würden und sie selbst nicht gehört würden.
Gerade darin sieht Bätzing eine besondere Aufgabe der Kirche. „Die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung sagt uns ja: Man traut uns zu und man möchte eigentlich, dass wir Trost und Hoffnung organisieren“, sagte er. Dafür brauche es Menschen, „die keine Unheilspropheten sind“, sondern Vertrauen stärken und Mut machen.
Zugleich warb der Bischof für neue gesellschaftliche Leitbilder. „Wir brauchen andere Bilder“, sagte er. Als Gegenmodell zu einem rein individualistischen Denken stellte er den Gedanken der Selbstlosigkeit in den Mittelpunkt: „Bring dich ein und schau nicht zuerst darauf, was du davon hast. Es gibt das Größere.“
Mut zur Veränderung
Kritisch äußerte sich Bätzing zu politischen Debatten, die vor allem auf große Inszenierungen und Polarisierung setzten. „Ich möchte keine großen politischen Reden hören“, sagte er. Solche Reden hätten häufig auch ideologische Seiten. Stattdessen plädierte er für Orientierung an grundlegenden Texten und gemeinsamen ethischen Leitlinien. Ausdrücklich verwies er auf die Sozial- und Umweltenzykliken von Papst Franziskus wie „Laudato Si’“, „Fratelli Tutti“ und „Laudate Deum“. Diese Texte beschrieben die Wirklichkeit klar und machten Mut zur Veränderung.
Die Brandmauer ist richtig
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war der gesellschaftliche Zusammenhalt und der Umgang mit der AfD. Bätzing verteidigte die klare Abgrenzung der Kirchen gegenüber völkischem Nationalismus. „Die Brandmauer ist richtig“, sagte er. Die AfD wolle „nicht das System von innen verändern oder verbessern, sondern ein anderes System“. Das, was die Partei vertrete, sei „mit unserem Menschenbild nicht vereinbar“.
Gleichzeitig warb der Bischof dafür, gesellschaftliche Verständigung nicht aufzugeben. Die Kirche müsse Räume schaffen, in denen Menschen mit unterschiedlichen Positionen wieder miteinander ins Gespräch kommen könnten. Bätzing verwies dabei auf die Idee sogenannter „Verständigungsorte“ und auf die Erfahrungen der Weltsynode in Rom. „Traut euren eigenen Methoden“, sagte er mit Blick auf synodale Gesprächsformen. Es gehe darum, einander wirklich zuzuhören, Unterschiede auszuhalten und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Wir brauen einander
Immer wieder wurde in der Diskussion deutlich, wie sehr gesellschaftliche Transformationsprozesse auch von Sprache, Vertrauen und Kommunikation abhängen. Alexander Schweitzer sprach von einer „Überlebensfrage der Demokratie“, wenn es nicht gelinge, den Menschen wieder ein emotionales demokratisches Gegenangebot zu machen. Luisa Neubauer forderte neue gesellschaftliche Erzählungen und mehr Hoffnung im Kampf gegen die Klimakrise. Politik müsse wieder vermitteln können, „warum wir das eigentlich alles machen“.
Mit großer Offenheit sprach Bätzing auch über die Krise der Kirche selbst. Mit Blick auf Missbrauch und Vertuschung sagte er: „Wir stehen als Kirche in Deutschland in einem solchen herausfordernden Prozess, was wir angerichtet haben, irgendwie auch wieder zu heilen.“ Nur durch glaubwürdige Veränderung könne Vertrauen neu wachsen.
Zum Abschluss der Diskussion betonte der Limburger Bischof die Verantwortung aller gesellschaftlichen Kräfte: „Wir brauchen einander.“ Kirche und Gesellschaft müssten Orte schaffen, an denen Zugehörigkeit, Zusammenhalt und Hoffnung auch unter Bedingungen permanenter Veränderungen möglich blieben.