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Würzburg, 15.05.2026

Die Gegenwart ist kein Feind

Wie entwickelt sich das Christentum in einer säkularen Gesellschaft? Darüber diskutierte Georg Bätzing beim Podium von Publik Forum in Würzburg. Im Gespräch ging es um Glauben in der Gegenwart, den Umgang mit Rechtsextremismus, die Rolle von Frauen in der Kirche, Künstliche Intelligenz und die Hoffnung auf eine synodale Kirche der Zukunft. Dabei machte Bätzing deutlich: „Die Gegenwart ist nicht der Feind des Evangeliums.“

Wohin entwickelt sich das Christentum? Um diese große Frage ging es am Freitag, 15. Mai, beim Podium von Publik Forum im Würzburger Cinemaxx. Mit dabei war  Bischof Dr. Georg Bätzing. Gemeinsam mit Lena Bowen, Bundesseelsorgerin der Katholischen Landjugendbewegung, und dem emeritierten Pastoraltheologen Norbert Mette sprach Bätzing über Glauben in säkularer Zeit, über Reformen in der Kirche, den Umgang mit Rechtsextremismus, die Rolle von Frauen, Künstliche Intelligenz und die Frage, was Christinnen und Christen heute Hoffnung gibt. Das Gespräch wurde von Michael Schrom von Publik Forum moderiert. Für die musikalische Umrahmung sorgte das Duo Camilo aus dem Bistum Limburg.

Bätzing machte gleich zu Beginn deutlich, dass Glaube für ihn keine abstrakte Idee sei, sondern eine prägende Lebenswirklichkeit. „Ich kenne keine Zeit meines Lebens ohne Glaube, ohne Kirche, ohne Christentum“, sagte der Bischof. In seiner Familie hätten Musik und Liturgie eine große Rolle gespielt. „Glaube ohne Musik geht nicht“, sagte Bätzing. Besonders die Feier der Liturgie habe ihn früh geprägt: „Ich habe nie etwas anderes werden wollen. Mir war klar: Ich will Pastor werden.“

Die Zeit der Selbstverständlichkeiten ist vorbei

Zugleich betonte Bätzing, dass die Kirche sich von alten Selbstverständlichkeiten verabschieden müsse. Die Zeit eines bloßen Zugehörigkeitschristentums sei vorbei. Heute gehe es um ein Christsein aus Entscheidung. „Die prägende Kraft des Evangeliums wird auch heute Menschen faszinieren und in Seelen Heimat finden“, sagte der Bischof.

Mit Blick auf die vielen Kirchenaustritte zeigte sich Bätzing nachdenklich, aber nicht resigniert. Viele Menschen verließen die Kirche nicht, weil ihnen der Glaube nichts bedeute. Manche sagten sogar: „Ich muss meinen Glauben schützen und deshalb gehe ich aus der Kirche heraus.“ Er habe solche Sätze lange „wie erstarrt“ entgegengenommen, sagte Bätzing. Heute antworte er: „Du wirst deinen Glauben nicht als Solistin retten können. Das Evangelium sucht und schafft und braucht Gemeinschaft.“ Kirche sei unvollkommen, widersprüchlich und verletzlich. „Aber so wie wir sind, so schräg und so merkwürdig und so unvollkommen, so sind wir Kirche. Und da lebt das Evangelium. Deshalb ist es gut, dass es uns gibt.“

Das Christentum nicht von außen okkupieren lassen

Deutlich äußerte sich Bätzing zur Instrumentalisierung des Christentums durch populistische, nationalistische und rechtsextreme Bewegungen. Religion sei weiterhin eine Kraft, sagte er. Gerade deshalb werde sie auch missbraucht. Umso wichtiger sei es, den Kern des christlichen Glaubens nicht preiszugeben. „Wir lassen nicht zu, dass man das Christentum, die Lehre des Christlichen, von außen okkupiert und für äußere Zwecke nutzt.“ Das klare Wort der Deutschen Bischofskonferenz gegen völkischen Nationalismus und Rechtsextremismus bezeichnete Bätzing als „Glanzstunde der Deutschen Bischofskonferenz“. Auch wenn kirchliche Stellungnahmen Wahlverhalten nicht automatisch veränderten, seien sie notwendig. „Die Brandmauer muss bleiben“, sagte Bätzing. „Christentum ist mit diesen Formen von Nationalismus, Fundamentalismus und Rechtsextremismus in keiner Weise zu vereinbaren.“

Ein weiterer Schwerpunkt des Podiums war die Frage nach der Zukunft der Kirche in einer säkularen Gesellschaft. Bätzing widersprach einer Haltung, die Gegenwart und Moderne vor allem als Bedrohung versteht. „Die Gegenwart ist nicht der Feind des Evangeliums“, sagte er. Christinnen und Christen seien vielmehr herausgefordert, „die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu deuten“.

Charismen fördern

Selbstkritisch sprach Bätzing über kirchliche Strukturen und über die Zukunft von Gemeinden. „Die Systeme, die wir aufgebaut haben, werden dann nicht mehr bestehen“, sagte er mit Blick auf die kommenden Jahrzehnte. Viele gegenwärtige Modelle funktionierten nicht mehr. Besonders beim Ehrenamt müsse Kirche umdenken. Ehrenamt dürfe nicht länger als „Verlängerung des Bestehenden“ verstanden werden. Es gehe nicht darum, Menschen für Aufgaben zu „kriegen“. „Allein schon in dem Wort steckt so viel Aggression“, sagte Bätzing. Ehrenamt müsse vielmehr vom Charisma her gedacht werden: Menschen brächten ihre Begabungen, ihre Zeit und ihre Energie ein. Die Kirche müsse fragen: „Habt ihr einen Platz dafür?“

Klar positionierte sich der Bischof auch zur Rolle von Frauen in der Kirche. „Ohne die Frauen ist die Kirche am Ende“, sagte Bätzing. Er erinnerte an seinen Beitrag bei der Weltsynode, bei dem er sich ausdrücklich für das Diakonat der Frau eingesetzt habe. „Es gehört zur Kultur unserer westlichen Welt, dass Menschen gleichberechtigt in der Kirche alle Aufgaben wahrnehmen wollen und können, die es gibt.“ Die Kirche müsse alles tun, was möglich sei, um Frauen an Leitung zu beteiligen und ihnen Leitungsaufgaben zu übertragen. Zugleich zeigte sich Bätzing überzeugt, dass dadurch die Frage nach dem sakramentalen Amt für Frauen nicht entschärft werde. Im Gegenteil: „Es wird sie schärfer stellen, weil die Einsicht wächst: Warum dann nicht auch diesen Schritt?“

Glaubwürdige Personen mit Haltung

Mit Blick auf Künstliche Intelligenz und digitale Formen religiöser Orientierung sagte Bätzing, die Kirche stehe erst am Anfang einer tiefgreifenden Veränderung. „Wir sind uns der Dimensionen, wie KI Glaubensweisen und Glaubensformen verändern wird, noch überhaupt nicht bewusst.“ Gerade junge Menschen suchten spirituelle Antworten längst in sozialen Netzwerken und digitalen Räumen. „Aber wir sind nicht da, wo sie ihre Antworten finden. Das müssen wir verändern.“ Entscheidend würden künftig glaubwürdige Personen sein, die mit ihrer Haltung, ihrem Leben und ihrer Sprache Zeugnis geben.

Am Ende des Gesprächs benannte Bätzing, was ihm persönlich Hoffnung gibt: die Erfahrung von Synodalität. Er habe in den vergangenen Jahren eine Diözesansynode im Bistum Trier, den Synodalen Weg in Deutschland und die Weltsynode erlebt. „Da ist etwas im Gange“, sagte der Bischof. Synodalität bedeute, dass jede und jeder mit eigener Stimme und gleichem Gewicht aus dem Heiligen Geist heraus einen Beitrag leiste. „Ich setze darauf. Das gibt mir Hoffnung.“ Und er fügte hinzu: „Ich lasse mir die katholische Kirche nicht kleinreden. Sie ist meine Heimat. Sie ist der Raum, in dem ich mich in meinem Leben wirklich entfalten durfte.“

Stephan Schnelle

Pressesprecher

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