Waldbrunn-Ellar, 26.02.2026
Christentum und Rechtsextremismus
Auch Gäste aus umliegenden Orten waren gekommen, um sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie christliche Grundbegriffe von Rechtsextremen politisch vereinnahmt werden.
Wenn Worte „gekapert“ werden
Harmeling, der in St. Georgen Theologie studiert hat und als Referent für pax christi tätig ist, zeichnete nach, wie rechtsextreme und autokratische Bewegungen christliche Sprache „kapern“, also umdeuten und für eigene Zwecke einsetzen. Konservatives Denken sei klar von rechtsextremer Ideologie zu unterscheiden, betonte er. Gefährlich werde es dort, wo zentrale Begriffe des Glaubens zu Parolen umgebaut werden, die Ausgrenzung, Härte oder nationale Überlegenheit religiös aufladen. Dies ist ein Phänomen, das international zu beobachten sei, so Harmeling: beispielsweise in Deutschland, den USA, Russland oder auch Ungarn.
Als Beispiel griff der Referent die Rede des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán bei einer Konferenz im Mai 2023 in Budapest auf. Dort sprach der Politiker davon, dass der jüdisch-christlichen Tradition zufolge Gott die Welt in Nationen geteilt habe und kritisierte in diesem Zusammenhang die „Woke-Bewegung“, „Gender-Ideologien“ und Migration als Varianten eines „Virus“ für die westliche Welt. Solche rhetorischen Mischungen aus religiöser Tradition, Kulturkampf und politischem Programm seien kein Zufall, sondern Strategie, so Harmeling. Christliche Sprache werde hier zur Legitimation politischer Abschottung genutzt.
Russland: Ideologie und sakralisierte Macht
Ähnliche Mechanismen seien auch in Russland zu beobachten. Harmeling verwies auf den Ideologen Alexander Dugin, der seit Jahren für eine autoritäre, antiwestliche Großmachtidee wirbt und liberale Demokratien offen ablehnt. Auch wenn Dugin kein offizielles Amt innehat, gilt er als geistiger Stichwortgeber für nationalistische und imperial gedachte Politik.
Flankiert werde diese Entwicklung durch den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill, der den Schulterschluss von Kirche und Staat theologisch legitimiert. Wenn politische Macht religiös überhöht werde, verschwimme die Grenze zwischen Glaube und Herrschaft, warnte Harmeling.
USA: „ordo amoris“ – verkürzt und umgedeutet
Für die USA griff Harmeling die Aussagen des Vizepräsidenten JD Vance auf, der Anfang 2025 öffentlich auf die „ordo amoris“ des Kirchenlehrers Thomas von Aquin Bezug nahm. Vance stellte für die „Ordnung der Liebe“ eine Rangfolge auf: zuerst die Familie, dann Nachbarn, Gemeinschaft, Land und erst danach der Rest der Welt. Damit rechtfertigte er eine politische Priorisierung nationaler Interessen.
Harmeling widersprach entschieden. Bei Thomas von Aquin stehe über allem die Liebe zu Gott, dann die Selbstliebe, dann die Liebe zum Mitmenschen. Die Liebe zur Familie dürfe niemals gegen die Gerechtigkeit ausgespielt werden. Hier werde ein komplexer geistlicher Gedanke politisch verkürzt - und instrumentalisiert.
Gebets-App „Hallow“
Auch christliche Angebote im Internet sollte man kritisch sehen. Als Beispiel nannte Harmeling die Gebets-App „Hallow“, die für rund zehn Euro im Monat tägliche Gebete, Meditationen und Bibeltexte anbietet. „Daran ist nichts falsch“, sagte er. „Aber dahinter ist etwas falsch.“
Zu den Großinvestoren und damit auch den Großverdienern der App gehören JD Vance und der Unternehmer Peter Thiel. Der Mitgründer von PayPal und einflussreiche Tech-Investor habe öffentlich erklärt, er glaube nicht daran, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar seien. Demokratie bezeichnete er als „Tyrannei der Mehrheit“.
Thiel gilt als Vertreter eines radikal marktorientierten, technokratischen Denkens, das politische Entscheidungen zunehmend ökonomischen Eliten überlassen möchte. Wenn ein solcher Akteur zugleich in religiöse Projekte investiere, müsse man genau hinschauen. Harmeling machte auch hier deutlich, wie religiöse Sprache und vorgebliche Frömmigkeit in größere machtpolitische Strategien eingewoben werden.
Geistliche Unterscheidung
Wie kann man solchen Entwicklungen begegnen? Harmeling griff zum Epheserbrief des Apostels Paulus: „Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn (…) steht standhaft.“ Christliche Stärke sei keine Machtfrage, sondern eine Frage der inneren Ausrichtung.
Der Referent schlug vier Prüffragen vor: Welches Gottesbild habe ich? Welches Menschenbild? Welches Weltbild? Welches Kirchenbild? Ergänzend nannte er die „bona voluntas“- das ehrliche Gespür: Habe ich ein gutes, inneres Gefühl bei dem, was gesagt wird, oder meldet sich ein irritierendes Bauchgefühl? Und die „intentio recta“: Wohin führt eine These, wenn ich sie konsequent zu Ende denke? Gerade rechtsextreme Argumentationen entlarvten sich oft, wenn man ihre Konsequenzen offenlege.
Sehr kritisch ordnete er auch die Dämonisierung christlicher Positionen ein. Wenn AfD-Politiker behaupteten, der Limburger Bischof Georg Bätzing sei „vom Teufel geschickt“, werde religiöse Sprache zur moralischen Vernichtung des Gegenübers missbraucht. Das überschreite die Grenze legitimer Kritik und vergifte den demokratischen Diskurs.
Diskussion: Verunsicherung, Verlust von Beheimatung
In der anschließenden, teils sehr intensiven Diskussion wurde deutlich, wie sehr das Thema bewegt. Eine Lehrerin berichtete, viele Jugendliche könnten mit Religion kaum noch etwas anfangen - manche wüssten nicht einmal, ob sie evangelisch oder katholisch seien. Zugleich gebe es Gruppen junger Menschen, die sich zunehmend fundamentalistisch organisierten.
Ein Religionslehrer erinnerte an frühere intensive Gemeinschaftserfahrungen in der KJG und auf Freizeiten. Diese Beheimatung fehle heute oft. Mehrere Wortmeldungen beschrieben eine weit verbreitete Angst und Verunsicherung - ausgelöst durch Klimakrise, Kriege, Zukunftsängste. Rechtsextreme Tendenzen seien nicht bloß ein Problem der sozial Benachteiligten, auch gut situierte Menschen suchten einfache Antworten. Eine Teilnehmerin sagte, viele Krisen erzeugten Angst und lähmten. Aber sie zeigte sich zuversichtlich, dass Kirchen auch wieder neue Anziehungskraft entwickeln könnten.
Einigkeit herrschte am Ende darüber, dass man miteinander im Gespräch bleiben müsse: im politischen und gesellschaftlichen Dialog, mit Argumenten, ohne Aggression, ohne Wut und nicht von Angst geleitet.
Harmelings Schlusssatz brachte die Dringlichkeit auf den Punkt: Auf dem Markt der Meinungen müsse vieles möglich sein. Doch es gehe längst nicht mehr nur um Meinungen - sondern um den Griff nach der Macht.
Die Veranstaltung wurde organisiert vom Ortsausschuss Ellar sowie den Bildungsbeauftragten der Pfarrei, in Kooperation mit pax christi Rhein-Main und der Katholischen Erwachsenenbildung Limburg und Wetzlar, Lahn-Dill-Eder (KEB).