Frankfurt
Wenn der Blick weit wird
„Ehrenamt ist gelebte Demokratie.“ Das sagte Oberbürgermeister Mike Josef bei der Verleihung der Bartholomäusplakette am Sonntag im Haus am Dom. Die katholische Stadtkirche vergibt die Plakette für besonderes ehrenamtliches Engagement in diesem Jahr an das Sprachprojekt „café deutschland“ und Matthias Copray, den ehrenamtlichen Leiter der ökumenisch getragenen „Action 365“. Josef nahm erstmals an der Verleihung teil und zeigte sich beeindruckt von denen, die hinter den Projekten stehen: „Demokratie beginnt für mich da, wo Menschen sagen, mir ist nicht egal, was um mich herum passiert, ich möchte etwas dazu beitragen und Verantwortung übernehmen. Das sind doch Werte, die das Menschsein ausmachen.“
Marianne Brandt, Vorsitzende des Stadtsynodalrats, begrüßte die Anwesenden im Großen Saal, und sagte, dass sie sich freue, dass zwei ökumenisch getragene Projekte ausgezeichnet würden, die für Nachhaltigkeit und Demokratie stünden. Das mache deutlich: „Ökumene ist uns sehr wichtig.“ Die Verleihung sei ein guter Moment, sich der Besonderheit von Menschen bewusst zu machen, die sich aus einem Gefühl der Notwendigkeit heraus ehrenamtlich engagierten: „Darin ist das Wunder zu sehen, dass sich im Ehrenamt auch der Gebende wandelt, weitet, reift.“
Verlangt Respekt ab
Prof. Wolfgang Beck, aktuell noch Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, hielt die Laudatio auf Matthias Copray. Er zählte die zahlreichen Projekte auf, die Copray, neben dem Leiten einer Computerfirma, ehrenamtlich mit der Action stemmt. Dazu gehören ein kleiner christlicher Verlag, die Unterstützung von Kaffeebauern in Lateinamerika durch genossenschaftlichen Kaffeeverkauf und Projekte für eine ökumenisch und interreligiös ausgerichtete Glaubenskommunikation. Auch unterhält Action 365 eine kostenlose App mit christlichen Impulsen und vergibt jährlich den Becker-Staritz-Preis für besonderes, sozialpastorales Engagement in konkreten Projekten und studentischen Abschlussarbeiten. „Das unter einen Hut zu bekommen verlangt mir allen Respekt ab und dafür gebührt dir aller Dank“, so Beck, der Copray für die Ehrung vorgeschlagen hat. „Es braucht die Bereitschaft, anzupacken und konkret zu werden – das scheint mir die Action 365 auszuzeichnen.“ Copray kam Mitte 1980er Jahre als Zivildienstleistender nach Frankfurt, um bei der Action 365 zu arbeiten. Die Initiative entstand bereits in den 60er Jahren, die Idee war, jenseits von Konfessions- und Institutionsgrenzen zu arbeiten und dezentral Kirche zu erleben, stets mit der Frage, wie sich dieser christliche Glauben in Handeln überführen lässt. Besonders beeindruckt zeigte sich Beck davon, dass die Action 2023 ihr Gästehaus unbürokratisch zwei Großfamilien zur Verfügung stellte, die aus der Ukraine flüchten mussten und die noch heute dort leben.
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In seinen Dankesworten sagte Matthias Copray, er lebe sehr gerne in Frankfurt und die Arbeit mache ihm viel Freude. Er benannte allerdings auch Sorgen. So fehle in Frankfurt Schatten – und natürlich beunruhige ihn auch die politische Situation in Deutschland, das Erstarken rechter Kräfte. Dagegen stellten sich Projekte wie Action 365: „Christliche Werte offen zu leben ist heute wichtiger denn je“, betonte er.
Lisa Verheyen, Referentin für Sozialpastoral bei der Stadtkirche, hielt die Laudatio auf das ehrenamtlich und ökumenisch getragene Sprachcafé „café deutschland“. „Das Café findet an fünf Standorten täglich in Frankfurt statt und bietet einen ungezwungenen Raum, Deutsch ohne Leistungsdruck zu sprechen“, erklärte sie. Doch es bleibt nicht beim Vokabellernen und miteinander Sprechen: „Die Ehrenamtlichen greifen Fragen auf und helfen, wo Unterstützung gebraucht wird“, so Verheyen. Sei es ein Formular, das ausgefüllt werden muss, eine inhaltliche Frage, die auftaucht, oder das Sprechen über Sorgen und traumatische Erlebnisse. „Als das café deutschland 2016 ins Leben gerufen wurde, war es eine Antwort auf eine besondere gesellschaftliche Situation. Heute ist es längst zu einem festen Angebot geworden, das gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Das Projekt bringt auf den Punkt, was Nächstenliebe im Alltag bedeuten kann.“
Die Ehrenamtliche Claudia Eberling nahm den Preis stellvertretend für rund 30 Engagierte entgegen. Sie sagte: „Dieser Preis macht uns unendlich glücklich. Wir wussten gar nicht, dass wir vorgeschlagen worden sind, umso größer die Überraschung und Freude.“ Die Auszeichnung motiviere für die Zukunft. „Der größte Dank geht an unsere Gäste, die jeden Tag in der Woche unsere Standorte besuchen, die uns ganz viel Vertrauen entgegenbringen und uns an ihrem Leben und ihren Sorgen teilhaben lassen.“ Auch sie nahm Bezug auf erstarkende rechte Kräfte in Deutschland und betonte: „Wir sitzen an der Basis und ich kann Ihnen sagen, die Menschen, die von außerhalb kommen, sind nicht böse, sie möchten von uns allen hier mit Freude und ein bisschen Respekt aufgenommen werden.“ Heike Seidel Hoffmann, die das Projekt vor zehn Jahren mit Andreas Hoffmann, Andreas Böss-Ostendorf und Andrea Tichy im Angesicht der gestiegenen Geflüchtetenzahlen ins Leben rief, sagte: „Wir wollten damals dem Alltagsrassismus entgegentreten.“ Das café deutschland feiert sein zehnjähriges Bestehen am Freitag, 18. September, ab 16 Uhr in St. Ignatius im Gärtnerweg im Westend, wozu sie herzlich einlud.
Die Verleihung der Bartholomäusplakette mit Musik von Javier Cuenca wurde live gestreamt:
Die Verleihung war eingebettet in den traditionellen Bartholomäustag, den die Stadtkirche jedes Jahr am letzten Sonntag im August feiert. Wie immer machten sich dafür aus zahlreichen Himmelsrichtungen schon morgens Gläubige zu Fuß, mit dem Fahrrad, der Bahn und sogar per Schiff auf den Weg Richtung Dom, um die Reliquie des Apostels Bartholomäus zu sehen und vor ihr zu beten. Die Begegnung mit der Reliquie ist für viele Gläubige eine emotionale Möglichkeit, sich Jesus nahe zu fühlen. Der Tag begann mit dem traditionellen Festgottesdienst im vollbesetzten Bartholomäusdom, zu dem die Reliquie feierlich hineingetragen wurde. Acht Chöre aus Frankfurter Kirchorten hatten sich eigens für den Tag zu einem großen Chor zusammengeschlossen und gaben dem Gottesdienst zu Ehren des Stadtpatrons einen schönen musikalischen Rahmen. Christiane Moser-Eggs, die die Stadtkirche gemeinsam mit Michael Thurn leitet, sagten in ihrer Begrüßung: „Die Vielfalt der Chöre vereint zu hören ist ein schönes Bild für unsere vielfältige Stadtkirche und für das, was uns alle miteinander verbindet: In der Eucharistiefeier miteinander Gott danken und ehren. Und besonders heute: Einen würdigen, der für seinen Glauben eingestanden hat mit seinem Leben - den Apostel Bartholomäus.“
Martin Sauer, Pfarrer der Pfarrei St. Margareta und ab Mitte September auch von St. Hildegard, leitete den Gottesdienst. Er predigte unter dem Titel „Komm und sieh“ – und stellte die Bartholomäusgeschichte aus der Bibel in Zusammenhang zur Stadt Frankfurt. „Wer erstmals nach Frankfurt kommt, hat vielleicht nicht den besten ersten Eindruck von der Stadt. Das ist der erste Blick. Doch der Zweite ist entscheidend, denn er versteht“, so Sauer. Ja, in Frankfurt gebe es viele Baustellen, viel Elend, das sich abschätzig betrachten lasse. Und auch grade rund um das Bahnhofsviertel, über das ja viele Menschen erstmals nach Frankfurt hineinkommen und sich einen ersten Eindruck bilden. „So mancher mag dann denken: Das, was nicht so schön aussieht, muss hier weg. Aber nein, das gehört genau hier hin“, sagte der Pfarrer. „Wo man empfängt, soll man uns wahrhaftig sehen, so wie wir sind. Wir wollen kein Disneyland sein, das sich vorne schön macht und hinten alles versteckt!“ Gegen Frankfurt gebe es viele Vorurteile, ebenso vielleicht wie gegen Jesus, der Nathanael in der Heiligen Schrift begegnet. Nathanael hätte auch denken können: Was soll da Gutes kommen aus Nazareth? Doch der spätere Apostel Bartholomäus glaube, er überwinde eine Grenze und entscheide sich für den zweiten Blick. „Unsere Stadt steht genau dafür, den Blick zu weiten. Aber wir schauen mit Sorge auf andere Orte, zum Beispiel nach Magdeburg“, nahm Sauer Bezug auf die Landtageswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September, bei der die AfD Umfragen zufolge stark abschneiden könnte. „Wir hoffen dort auf den zweiten Blick, der versteht, dass es nur in einem zugewandten Kontext, in einem internationalen Kontext geht – und nicht anders. Möge uns die Herkunft von Menschen irgendwann egal sein.“
Die Kollekte des Festgottesdienstes geht in diesem Jahr an die katholische Telefonseelsorge im Haus der Volksarbeit in Frankfurt, die jährlich rund 10.000 Gespräche führt. Wie Michael Thurn sagte, gibt es für die wichtige Arbeit der Telefonseelsorge keine öffentlichen Zuschüsse und die Finanzierung werde zunehmend zur Herausforderung. Die Telefonseelsorgerinnen und -seelsorger arbeiten ausschließlich ehrenamtlich.
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Nach dem Gottesdienst lud die Stadtkirche erneut dazu ein, auf dem Domplatz zusammenzubleiben und ein Glas Wein, Wasser oder Saft zu trinken. Auch Brezeln und Kuchen standen bereit und wurden von den Gottesdienstbesuchern und Passanten freudig entgegengenommen.
Am späten Nachmittag endete der Bartholomäustag mit einer Vesper im Dom. Die Reliquie des Heiligen Bartholomäus stand noch bis abends im Dom zur Verehrung. Mitglieder aus den muttersprachlichen Gemeinden hielten Wache, um die Sicherheit der wertvollen Reliquie zu gewährleisten. Am Nachmittag kamen auch Christinnen und Christen aus den orthodoxen Geschwisterkirchen in den Dom, um an der Reliquie zu beten und ihre Verehrung auszudrücken.