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Limburg, 04.04.2026

Karsamstag – warten, hoffen

Der Karsamstag steht ganz im Zeichen der Grabesruhe Jesu. Eine Stille, ein Warten, ein Hoffen.

Karsamstag aus der Perspektive der Stille

Ich war schon immer hier.

Bevor sie den Stein vorrollten, bevor die Männer kamen mit dem Leichnam, bevor irgendjemand diesem Hügel einen Namen gab – ich war hier. Dunkelheit braucht keinen Anfang. Stille braucht keinen Anfang. Sie ist das, was übrigbleibt, wenn das Licht geht, wenn der Tag geht.

Ich kannte Gräber. Ich kannte die Knochen der Vergessenen, das langsame Werden von Menschen zu Staub, das stille Einverständnis zwischen dem Tod und mir. In mir wird nichts gefordert. In mir muss niemand mehr etwas. Das ist, was manche Frieden nennen und andere Schrecken – je nachdem, von welcher Seite sie auf mich schauen.

Er kam am Abend.

Sie trugen ihn herein, zwei, drei Männer, schnell und behutsam zugleich, denn der Sabbat begann und die Zeit drängte. Das Leichentuch roch nach Myrrhe und Aloe – Gewürze, die den Übergang mildern sollten, als könnte man den Tod parfümieren. Ich nehme alles gleich auf. Gewürze. Blut. Das Gewicht eines Leibes.

Sie legten ihn auf den Stein. Dann gingen sie.

Der große Stein rollte vor die Öffnung und das letzte Licht – ein schmaler, sterbender Streifen Abendsonne – verschwand. Sie versiegelten das Grab noch von außen. Ich hörte es. Als wollten sie sichergehen.

Und dann war es nur noch ich. Und er.

Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, denn ich bin die Stille und die Stille hat keine Sprache für das, was geschah – oder nicht geschah oder beides zugleich. Ich kannte Tote. Ich kannte das Schweigen von Menschen, die aufgehört haben zu sein. Dieses Schweigen hier war anders. Nicht lauter. Nicht bewegter. Und doch – anders.

Als wäre die Stille selbst still geworden. Als hätte ich den Atem angehalten, obwohl ich nie atme.

Draußen lief die Welt weiter. Der Sabbat senkte sich über Jerusalem wie ein großes, müdes Tuch. Irgendwo weinten Frauen. Irgendwo schliefen Soldaten schlecht. Irgendwo saßen Männer in einem Raum und redeten oder schwiegen oder starrten auf ihre Hände und verstanden nicht, was die letzten drei Tage zu bedeuten hatten. Das Leben macht weiter, auch wenn es nicht weiß, wohin – das ist das Eigentümliche am Leben.

In mir war nichts davon.

In mir war nur dieser Leib auf dem Stein und die Myrrhe und das Leinen und die Frage, die ich zum ersten Mal in all meinen unzähligen Jahren nicht beantworten konnte.

Denn ich kenne den Tod. Ich bin sein Zimmer. Ich weiß, wie er riecht, wie er sich ausbreitet, wie er das, was einmal ein Mensch war, langsam und gründlich zu sich holt. Ich weiß, wie endgültig er ist. Die Menschen zweifeln daran manchmal – ich nie.

Aber in dieser Nacht zweifelte ich.

Nicht laut. Die Stille zweifelt nicht laut – das wäre kein Zweifel mehr, das wäre Lärm. Es war ein leises Nicht-Wissen, ein Innehalten in mir, das ich nicht kannte. Als läge da nicht einfach ein Toter. Als läge da eine Frage. Als wäre dieser Stein, dieser Hügel, diese ganze Nacht nur ein Atemzug zwischen zwei Sätzen – und der zweite Satz noch nicht gesprochen.

Der Sabbat verging.

Ich hielt ihn. Das ist meine Aufgabe: halten, bewahren, umhüllen. Ich tat es so sorgfältig wie immer und vielleicht ein bisschen sorgfältiger. Ich legte mich um ihn wie eine Antwort, die noch wartet.

Draußen wurde es Morgen.

Das Erwachen der Erde. Das erste Vogelgeräusch irgendwo fern. Die Welt, die sich räuspert.

Und dann – aber das ist nicht mehr meine Geschichte.

Meine Geschichte endet hier, in der Stille des Karsamstags, mit einem Leib auf dem Stein und einer Frage in mir, die ich nicht kannte. Ich bin die Stille. Ich habe alles gehalten, was man mir gegeben hat.

Dies hier habe ich nicht halten können.

Felicia Schuld

Chefin vom Dienst, Redakteurin Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

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