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Limburg, 03.04.2026

Karfreitag – Kreuzigung Jesu

An Karfreitag gedenken die Christinnen und Christen der Kreuzigung Jesu. In den Karfreitagsgottesdiensten ist die Passionsgeschichte gesprochen zu hören. Hier liegt der Fokus auf dem Kreuz.

Karfreitag aus der Perspektive des Kreuzes

Ich war ein Baum.

Das ist das Erste, woran ich denke, wenn ich denke – falls Holz denken kann, und ich glaube, an jenem Tag konnte es das. Ich war ein Baum. Ich hatte Wurzeln, die tiefer gingen als jeder Schmerz. Ich hatte Äste, die den Wind kannten. Ich hatte Ringe in mir, Jahr für Jahr, jedes Jahr ein stilles Wachsen.

Dann kamen Männer mit Äxten.

Man formte mich zu Balken. Hobelte mich. Richtete mich aus und nagelte mich zusammen – zwei Stücke meiner selbst, quer aufeinander, ein senkrechter Stamm, ein waagrechter Arm. Als wäre ich ein Mensch mit ausgebreiteten Armen. Ich dachte damals nicht daran, was das bedeuten sollte.

Ich sollte es lernen.

Sie legten mich auf seine Schultern draußen vor dem Prätorium, auf dem Pflaster, wo es nach Angst und nach Urin roch und mit dieser besonderen Stille, die entsteht, wenn viele Menschen schweigen und es trotzdem laut ist. Er war geschlagen worden. Das spürte ich sofort – sein Blut war warm auf meinem Holz – und Blut, das auf altem Holz landet, sinkt tief.

Er trug mich.

Ich war schwer. Ich weiß, dass ich schwer war, denn er fiel. Einmal. Zweimal. Dreimal. Jedes Mal das Gewicht von ihm auf dem Pflaster und mein Gewicht auf ihm und die Menge ringsum – manche schrien, manche weinten, manche schauten einfach zu, mit den leeren Augen von Menschen, die sich entschieden haben, nicht da zu sein.

Eine Frau trat vor. Ich weiß nicht, wer sie war. Sie wischte sein Gesicht mit einem Tuch. Das Tuch war weiß. Es wurde nicht wieder weiß.

Er stand jedes Mal wieder auf. Ein weiterer Mann – Simon – half ihm, das Kreuz zu tragen.

Der Weg nach oben auf den Hügel war nicht weit. Aber er war alles. Jeder Schritt ein Abschluss von irgendetwas – von der Kindheit, vom Zimmermannsvater, vom ersten Wunder, vom See, von den Freunden, von dem Abendmahl gestern Nacht, von all den Jahren. Ich trug das alles mit. Holz trägt, das ist seine Natur. Aber ich trug mehr, als Holz tragen sollte.

Oben auf Golgota – der Schädelhöhe; was für ein Name – legten sie mich flach auf den Boden.

Dann legten sie ihn auf mich.

Ich muss jetzt langsam schreiben, wenn Holz schreiben könnte, denn dieser Moment war der schwerste meines Lebens und ich war einmal ein Baum, der Stürme kannte.

Die Nägel.

Ich hatte Nägel gekannt, Zimmermannsnägel, die Bretter zusammenhielten, Türen, Möbel, die Dinge, die das Leben zusammenhalten. Diese Nägel waren anders. Ich spürte sie durch seine Handgelenke in mich hineingehen und ich wollte nicht – ich wollte nicht dieses Werkzeug sein. Ich wollte meine Rinde zurück, meine Äste, meine Wurzeln, ich wollte irgendetwas anderes sein als das, was ich in diesem Moment war.

Aber ich war ein Balken. Ich konnte nur tragen.

Sie richteten mich auf. Die Erde nahm mein Ende auf – ich kannte die Erde noch, ich erinnerte mich an sie, das war einmal Heimat – und er hing an mir und über ihm nagelten sie ein Schild an: „Jesus von Nazareth, König der Juden.“

Drei Sprachen. Als wollte man sichergehen, dass alle verstehen, wen man hier tötete.

Die Stunden waren lang. Die Sonne tat zuerst ihre Arbeit, dann zog sie sich zurück und eine Dunkelheit kam, die nicht nach Wolken aussah. Die Soldaten spielten um seine Kleider. Die Menge schrie mal dies, mal das. Zwei andere standen neben mir – auch Kreuze, auch Holz, auch einmal Bäume.

Er sprach.

Wenig, aber er sprach. Er bat für die, die ihn töteten. Er kümmerte sich um seine Mutter, die unten stand und alles ansehen musste. Er schrie einmal, mitten in der Dunkelheit – ein einziger Schrei, roh und tief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen" – und dieser Schrei fuhr durch mich hindurch, wie damals der Wind durch meine Äste, nur dass dieser Wind nicht weiterging. Der blieb in mir.

Zuletzt sagte er: „Es ist vollbracht."

Nicht wie ein Mann, der aufgibt. Wie ein Mann, der fertig wird. Dann neigte er den Kopf und starb.

Die Erde bebte. Ich stand in ihr und fühlte es – ein Zittern, das von unten kam, aus der Tiefe, als hätte irgendetwas da unten geantwortet.

Später nahmen sie ihn von mir ab. Behutsam diesmal, andere Hände. Ich blieb stehen, leer, auf dem Hügel, im Wind.

Ich war wieder nur Holz.

Aber Holz, das etwas getragen hatte, das kein Holz hätte tragen sollen – und das es trotzdem gehalten hat.

Bis zuletzt.

Ich habe nicht nachgegeben. Das ist alles, was ein Kreuz tun kann: halten. Und ich habe gehalten.

Obwohl ich lieber wieder ein Baum gewesen wäre.

Felicia Schuld

Chefin vom Dienst, Redakteurin Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

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