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Frankfurt, 27.04.2026

"Sonderwelt" sieht anders aus

Das Priesterseminar der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt feiert sein 100-jähriges Bestehen. Früher waren die Regeln starr und streng, davon zeugt der Bericht eines ehemaligen Theologiestudenten aus den 50er Jahren. Wie leben zukünftige Priester dort heute?

Die hellen Couchen und Sofas im Wohnzimmer sehen weich und gemütlich aus, in den quadratischen Fächern eines IKEA-Regals stapeln sich Brettspiele. In der Küche steht ein benutztes Schneidebrett auf dem langen Holztisch, ein paar Krümel liegen auf der Arbeitsplatte – und in einem halbvollen Wasserglas wartet ein Bund Frühlingszwiebeln, der schon bessere Zeiten gesehen hat, auf seinen Einsatz.

Der lichtdurchflutete Flur in Frankfurt-Sachsenhausen wirkt, als könne er in jedem Studierendenwohnheim in Deutschland liegen. Und doch ist das hier keine „normale“ Studi-WG. Die Männer und Frauen, die auf diesem Stockwerk zusammenleben, studieren katholische Theologie – und fünf davon sind auf dem Weg, sich zum Priester weihen zu lassen. Einen Hinweis darauf gibt es im Flur, von dem die Zimmer abgehen. Über jeder Tür ist der Segen der Sternsinger fürs aktuelle Jahr gezeichnet – und in den Wandregalen vor den Zimmern stehen Heiligenbildchen, Ikonen, Fotos von Päpsten, Erinnerungsstücke mit christlichem Bezug.

Willkommen im Priesterseminar der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen. In diesem Jahr feiert das von Jesuiten getragene Seminar, das für die Ausbildung von Priestern für die Bistümer Limburg, Hildesheim, Aachen und das Erzbistum Hamburg zuständig ist, sein 100-jähriges Bestehen. Einst war es das Herzstück der städtisch und zugleich idyllisch in einem Park gelegenen Hochschule, mittlerweile besuchen deutlich mehr Studierende die offene Fakultät, um dort ihren Magister oder höhere Abschlüsse in Theologie, ihren Master in Sozialethik im Gesundheitswesen oder ihren Doktor der Philosophie zu machen. Das heißt, dass auch das Priesterseminar kein reines Wohnhaus mehr für zukünftige Priester ist – sondern auch „weltliche“ Studentinnen und Studenten dort ein Zimmer mieten können.

Gastlich und offen sein

60 Zimmer gibt es insgesamt, pro Stockwerk zehn. Viele Theologiestudierende leben hier, aber auch Priester aus der Weltkirche. Die beiden Priesterkandidaten des Bistums Limburg, die derzeit noch im Studium sind, wohnen auf ihrem Stock gemeinsam mit zwei weiteren Seminaristen aus dem Erzbistum Hamburg, einem aus Trier und vier Theologiestudierenden, darunter auch zwei Frauen. Außerdem gibt es ein Gästezimmer mit Platz für zwei Besucher – denn das ist ganz wichtig: Das Priesterseminar ist nicht aus der Welt, sondern in ihr, es begreift sich selbst als offen und gastfreundlich.  „Mein Freundeskreis ist überwiegend säkular geprägt – und natürlich bekomme ich hier auch Besuch“, sagt Tim Adam, 22 Jahre alt und Priesterkandidat aus Wiesbaden. „Genau dafür steht ein Gästezimmer am Ende des Flurs zur Verfügung, in dem zwei Menschen schlafen können.“ Tim Adam studiert Theologie im vierten Semester, sein Seminaristenkollege Florian Fascher aus Biedenkopf ist 20 und im zweiten Semester.

Berufen? Video hier ansehen

Nicht hinter hohen Mauern verbergen, offen sein für das, was drumherum passiert, mit anderen Studierenden in der Mensa essen und natürlich auch mal ganz weltlich ins Kino gehen – dass die jungen Männer in Kontakt mit dem Drumherum sind, ist dem Leiter des Priesterseminars, Jesuitenpater Dr. Axel Bödefeld, enorm wichtig. „Sie sollen hier keine Sonderwelt vorfinden, sondern das ganz normale Leben, eine WG mit zeitgemäßer Einrichtung, in der sie auch selbst kochen und saubermachen“, betont er. Natürlich sind viele Randzeiten und Wochenenden belegt mit Gottesdiensten und geistlichen Veranstaltungen, doch an den freien Abenden dürfen die Seminaristen kommen und gehen, wie sie möchten.

Ein Brief aus der Vergangenheit

Das war nicht immer so. „Wir haben zum Jubiläum einen interessanten Brief bekommen“, berichtet der Spiritual Pater Dag Heinrichowski, der gemeinsam mit Schwester Christine Klimann für die geistliche Begleitung und die pastoralpsychologische Dimension der Ausbildung der späteren Priester zuständig ist. „Darin hat ein Priester, der heute über 90 ist, von seiner Studienzeit in Sankt Georgen in den 1950er Jahren berichtet.“ Damals gab es um die 150 Priesteranwärter, die nach deutlich strengeren Regeln lebten. Keine eigenen Schlüssel, mit dem Regens auf einem Stockwerk leben, ein durchgetakteter Tagesablauf – und wer wegging und zu spät wiederkam, musste mitunter vor der Tür übernachten. „In dem Brief wird auch berichtet, dass einige Studienkollegen abends über die Mauer geklettert und ausgebüchst sind – sie wurden deshalb entlassen“, erzählt Regens Bödefeld. Heute ist alles anders. In Zeiten, in denen sich in Deutschland nur noch sehr wenige junge Männer für den Priesterberuf entscheiden, sind derart strenge Regeln nicht mehr zeitgemäß und auch nicht hilfreich.

Insgesamt sind im Bistum Limburg derzeit sechs Männer in der Ausbildung zum Priester, doch nur Tim Adam und Florian Fascher wohnen und studieren aktuell in Sankt Georgen, außerdem verbringt ein Priesterkandidat gerade ein Studienjahr in Innsbruck. Der Plan ist, dass Tim Adam und Florian Fascher nach dem zehnten Semester ihren Magister in Theologie machen, anschließend folgen zwei Jahre Pastoralkurs mit Diakon- und schließlich Priesterweihe, fünf Jahre Kaplanszeit und das Pfarrexamen.

Gehen, wohin Gott ruft

Die beiden jungen Priesterkandidaten spürten schon früh ihre Berufung, Familie und Freundeskreis akzeptieren ihren Weg und unterstützen sie. „Wenn das überhaupt Thema ist, dann eher mit wohlwollender Neugier“, so Tim Adam. Er räumt aber auch ein, dass es für seine Eltern anfangs nicht leicht war, auch, weil nun keine Enkelkinder zu erwarten sind und sie selbst schon früher aus der Kirche ausgetreten seien. Florian Fascher stammt aus einer evangelischen Familie und konvertierte mit 14 zum Katholizismus, weil er darin Antworten fand, die ihm vorher fehlten.

Was ihre Zukunft angeht, möchten beide dorthin gehen, wohin Gott sie ruft. Dass immer weniger junge Männer Priester werden wollen – und entsprechend abzusehen ist, dass künftig mehr Verantwortung auf weniger Schultern verteilt werden wird – macht beiden keine Sorgen. „Man ist ja in der Leitung einer Pfarrei nicht allein, es gibt eine Verwaltungsleitung, pastorale Mitarbeitende und Verwaltungsangestellte“, sagt Tim Adam. Und Florian Fascher betont: „Ich begreife das Priestersein vor allem als ein geistliches Amt. Ich möchte Hirte sein und kein Manager.“

Für die Entscheidung, ob Priester oder Pfarrer mit eigener Pfarrei, bleibt später noch viel Zeit, sagt Schwester Christine Klimann, Pastoralpsychologin am Berufungscampus und Priesterseminar. Und außerdem sei zu erwarten, dass es – einfach, weil die Kirche kleiner werde, später auch nicht mehr ganz so viel zu managen gebe wie jetzt. Aber auch dann werden neue Herausforderungen kommen: „Es ist kein einfacher Weg, kleiner zu werden.“

Kommilitone Papst Franziskus

Die Theologiestudenten sind sich bewusst, dass sie an einem Ort mit langer Geschichte studieren, an dem zum Beispiel auch der mittlerweile verstorbene Papst Franziskus einen Teil seines Studiums verbracht hat. Das Team rund um Regens Bödefeld ist stolz auf diese Geschichte und die vielen klugen Köpfe, die hier gelernt haben. Zugleich geht es aber auch darum, den Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen. „Früher war die kirchliche Welt eindimensional, es gab den Pfarrer und die Gemeinde“, sagt Pater Bödefeld. „Heute gibt es ganz andere kirchliche Berufe.“

Es könnte sein, dass Sankt Georgen sich bald einmal mehr verändern wird. Man ist im Gespräch mit der Goethe-Uni, die derzeit ausschließlich für das religionspädagogische Studium zuständig ist, also Lehrerinnen und Lehrer ausbildet. Den Theologie-Magister und die anderen Angebote Sankt Georgens damit zusammenzudenken wäre wirtschaftlicher, doch vor dem nächsten Jahr wird nicht mit einem fertigen Konzept gerechnet.

Hintergrund

Sankt Georgen ist als theologischer Ausbildungsort entstanden, weil das Bistum Limburg ein Priesterseminar errichten wollte und die Jesuiten gleichzeitig nach Möglichkeiten für ihr intellektuelles Apostolat in Deutschland suchten. In den „goldenen“ 1920er Jahren bot sich die zentral gelegene Handels- und Universitätsstadt an. Nachdem die Absicht des Limburger Bischofs, eine theologische Fakultät in die junge Stiftungsuniversität zu integrieren, sich nicht realisieren ließ, wurden Orden und Diözese aktiv. 1925 wurde das Grundstück an der Offenbacher Landstraße erworben, am 15. Oktober 1926 starteten 15 Seminaristen mit der ersten Vorlesung, bis in die 80er Jahre hinein studierten hier bis zu 150 zukünftige Priester gleichzeitig. 2015 wurde der Neubau fertiggestellt, heute wohnen neben Seminaristen verschiedener Bistümer Priester der Weltkirche im Aufbaustudium und Studierende verschiedener Frankfurter Hochschulen und Fakultäten im Priesterseminar. Zwei Etagen werden für Kurse und Exerzitien der Zukunftswerkstatt der Jesuiten beziehungsweise des Zentrums für Berufungspastoral der Deutschen Bischofskonferenz genutzt. Eine Chronik gibt es auf https://www.priesterseminar-sankt-georgen.de unter „Historie“.

Info

Das Priesterseminar feiert sein 100-jähriges Bestehen mit einer öffentlichen Podiumsdiskussion unter dem Titel „Pastorale Ausbildung - Heute weiter denken“ am Mittwoch, 6. Mai, 18.30 Uhr in der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, Offenbacher Landstraße 224, Frankfurt-Sachsenhausen. Anschließend gibt es einen Empfang und Live-Musik. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen gibt es auf https://www.sanktgeorgen100.de.

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