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18.01.2017

International und selbstbewusst

Das katholische Frankfurt ist Teil der Main-Metropole

Der Kaiserdom ist markantes Wahrzeichen der Stadt Frankfurt (Foto: Kath. Stadtkirche/Archiv)

Bischof Georg Bätzing besucht auf eintägigen Stippvisiten alle elf Bezirke seines Bistums. Seine Kennenlern-Tour führt ihn am Donnerstag, 19. Januar, nach Frankfurt. Dort hat der größte Bezirk des Bistums Gelegenheit sich dem Bischof vorzustellen. Einen kleinen Überblick über die katholische Stadtkirche Frankfurt gibt dieses Porträt. 

FRANKFURT.- International, selbstbewusst und alles andere als bequem – so ist die Stadt Frankfurt. Und so verstehen sich auch die gut 160.000 Katholiken, die etwa 22 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die katholische Stadtkirche, einer der elf Bezirke im Bistum Limburg, bringt einiges an Gewicht mit in das Bistum. In der Main-Metropole lebt fast ein Viertel aller Katholiken, die zum Bistum Limburg gehören. Knapp 10.000 Frankfurter in den Stadtteilen Harheim, Nieder-Eschbach und Bergen Enkheim sind den benachbarten Bistümern Mainz und Fulda zugeordnet.

Schon Stadtdekan Walter Adlhoch, von 1965 bis 1982 an der Spitze der Frankfurter Katholiken, spottete gerne: „In Frankfurt pulsiert das Leben, in Wiesbaden sitzt die Regierung, in Limburg fließt die Lahn.“ Vieles, was sich gesellschaftlich in kleineren Städten oder auf dem Land erst langsam abzeichnet, ist in der Mainmetropole längst Alltag. Und so sieht sich auch das katholische Frankfurt bis heute als Laboratorium für neue Erkenntnisse in der Pastoral. Dieses „Laboratorium der Moderne“ ist nach den Worten des jetzigen Stadtdekans Johannes zu Eltz mit der Geschichte Frankfurts als freie Reichsstadt begründet: „Da war es eine Frage des Überlebens, sich immer neu den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten anzupassen.“

Geachteter Partner in der Stadtgesellschaft

Doch evangelische und katholische Kirche müssen auch anerkennen, dass sie mit zusammen knapp 42 Prozent der Bevölkerung nicht mehr die Mehrheit vertreten. Trotzdem stellen sie laut zu Eltz allein schon wegen ihrer historischen Prägekraft eine nicht zu vernachlässigende Größe dar. Deshalb hat die Frankfurter Kirche den Anspruch in die Stadtgesellschaft hineinzuwirken, den Dialog mit unterschiedlichen Menschen und Gruppen zu suchen und eigene christliche Positionen in den Debatten zu stärken. Dass sie hier auch immer wieder angefragt wird und ihr Gewicht etwa in den regelmäßigen Gesprächen mit den großen Parteien im Römerparlament, aber auch in Bündnissen wie der Sozialpolitischen Offensive oder dem Römerbergbündnis, in die Waagschale werfen kann, zeigt, dass sie als Partner nicht nur in sozialen Fragen erwünscht ist, sondern auch in ethischen,  wirtschaftlichen und allgemein gesellschaftlichen Debatten geachtet wird. 

Hinzu kommt, dass die katholische Kirche in Frankfurt gegen den bundesweiten Trend sogar wieder wächst: Vor allem dank der Zuwanderung, früher aus den klassisch katholischen Ländern Südeuropas, heute vielfach aus Eritrea und anderen afrikanischen Ländern oder von den Philippinen, steigt die Zahl der Katholiken langsam, aber stetig wieder an. Menschen aus 180 Nationen leben in Frankfurt, 47.000 Katholiken anderer Muttersprache füllen die ursprünglich deutschen Pfarreien oder treffen sich in ihren eigenen 24 Gemeinden zum Gebet und zum Austausch. Ordensgemeinschaften, religiöse Zentren, Erwachsenenbildung, Hochschulseelsorge, katholische Vereine und Verbände vervollständigen die Vielfalt katholischen Lebens in der Main-Metropole.

Missionarisch, interkulturell und sozial

Die Stadtkirche, zu der sieben „Pfarreien neuen Typs“, das sind Großpfarreien mit mehreren Kirchorten, und zwei Pastorale Räume mit zehn noch eigenständigen Pfarreien gehören, konzentriert sich deshalb vor allem auf drei Schwerpunkte: die missionarische Seelsorge, die Menschen außerhalb der traditionellen Gemeinden anspricht, etwa in der Jugendkirche Jona, der KunstKulturKirche Allerheiligen, den Zentren für Meditation oder Trauerseelsorge, der Katholischen Akademie Rabanus Maurus im Bildungs- und Begegnungszentrum Haus am Dom, im Haus der Volksarbeit mit seinen zielgruppengenauen Beratungsangeboten, in der Katholischen Familienbildung oder in der Beratungsstelle punctum mitten in der Innenstadt.

Auch die neu entstehenden und rasant wachsenden Stadtteile Frankfurts werden hier in den Blick genommen. So gab es 2005 eine neue Kirche am Frankfurter Berg. Und es wurde 2016 nach einer langen und schwierigen Planungszeit der neue Kirchort St. Edith Stein auf dem Riedberg eingeweiht, zusammen mit einem Centre for Dialogue, das sich dem Austausch zwischen Glaube und Naturwissenschaft in einem Stadtteil widmet, in dem der naturwissenschaftliche Campus der Goethe-Universität residiert. Auch das neue Europaviertel hinter der Frankfurter Messe wird eine, diesmal ökumenische, kirchliche Präsenz erhalten.

Dann ist da der interkulturelle und interreligiöse Dialog, an dem in einer Stadt wie Frankfurt kein Weg vorbei führt. Rühmt sie sich doch ihrer Multi-Kulti-Identität genauso zu Recht wie ihrer großen Toleranz und Friedfertigkeit im nachbarschaftlichen Miteinander. Mit dem Rat der Religionen, mit den muttersprachlichen Gemeinden, im christlich-muslimischen und christlich-jüdischen Gespräch, in jeder der katholischen Einrichtungen, Gemeinden und Kirchorte spielt der Austausch über kulturelle und religiöse Identitäten, über unterschiedliche Formen der Frömmigkeit oder des kirchlichen Lebens eine große Rolle. Zuletzt drängte im Zusammenhang mit den Migrations- und Fluchtbewegungen verstärkt das Thema psychische Gesundheit in den Vordergrund. Immer wieder über Schwierigkeiten zu reden, aber auch das Schöne miteinander zu erleben, etwa im großen Gottesdienst der Sprachen und Nationen alljährlich am Pfingstsamstag, trägt sicher zu der spürbaren Verständigung und Wertschätzung bei.

Auf Augenhöhe mit den Menschen

Dritter Schwerpunkt der katholischen Stadtkirche ist die Sozialpastoral: Zusammen mit dem starken Partner Caritasverband, dem größten Wohlfahrtsverband in der Stadt, wird diakonisches Handeln als eine Ausdrucksform christlichen Glaubens wahrgenommen. Es gibt Hilfenetze in vielen Stadtteilen, ehrenamtliche Sozialberatung, ein Wohnwagenprojekt für Obdachlose, das Projekt „Kirche für Arbeit“, die Casa San Antonio als Anlaufstelle für Migranten aus Südeuropa und vieles mehr. Vielfach vernetzt sind diese Angebote wiederum mit den muttersprachlichen Gemeinden, aber auch mit städtischen oder evangelischen Partnern.

Im vergangenen Jahr hat die Stadtkirche außerdem verstärkt Reformen in Angriff genommen, die in weiten Teilen der katholischen Kirche als notwendig erachtet werden, um mit den Menschen Schritt halten zu können, ohne dem vielfach beschworenen Zeitgeist hinterher rennen zu wollen. Bei einem Stadtkirchenforum vor genau einem Jahr wurden konkrete Punkte verabredet, die dem häufig beklagten Reformstau zumindest vor Ort ein Ende setzen könnten. Dazu gehören die Themen Subsidiarität, das heißt eine Kirche, in der Aufgaben und Verantwortlichkeiten auf allen hierarchischen Ebenen angemessen verteilt sind, und Kirche für alle, wo etwa über Segensfeiern nachgedacht wird, die Menschen in gesellschaftlichen und kirchlichen Spannungsverhältnissen, vor allem unverheirateten, gleichgeschlechtlichen und wiederverheiratet geschiedenen Paaren, zugutekommen könnten. (dw)